2013/08/08

Die Kreativität der Natur

 ... von wundertollen hässlichen Früchten, merkwürdiger Kulinaritäten und essbaren Mutanten


Ich bin ja schon immer ein Freund der Andersartigkeit. Vor einiger Zeit las ich (u.a. bei der SZ), dass die Schweizer Supermarkkette Coop unter dem Namen "Ünique" jetzt eine eigene Obst & Gemüse Linie herausbrachte (oder bringen will?) bei der vor allem nicht EU konforme Lebensmittel verkauft werden. Oder anders ausgedrückt nicht Norm-konforme Lebensmittel: also krumme Gurken, vom Hagel betroffene Aprikosen, heruntergefallene Äpfel. Heutzutage ja Lebensmittel 2.ter Klasse, die ja laut Lebensmittelhandel nicht verkaufbar sind.


Heute (?) berichtet der Spiegel über eine Abschlussarbeit der Bauhaus Uni Weimar, bei der diese Andesartigkeit zeleberiert wird und die so eine Art (Werbe)Kampagne für Obst mit "optischen Mängeln"  im Fach Viselle Kommunikation (für das ich mich - glaube ich - auch mal dort beworben hatte) erarbeitet haben. Die jungen Designer räumten so sogar den  Junior Award 2013 des Art Director Clubs ab und sind mit  "ugly fruits" - Produkten nicht nur bei DaWanda erfolgreich, sie haben auch mit lauthals eine eigene Agentur gegründet.

Mit ein bißchen Recherche findet man schnell heraus, dass dies nicht der erste Versuch in der Richtung ist. "Culinary Misfits" ist eine Berliner Idee, die unter dem Motto "Esst die ganze Ernte" die optische Benachteiligung unsere "perfekten Welt" anprangert. Sie bezeichnen als Misfits die Sonderline einer Ernte, die es NIE ins Supermarkregal oder auf den Marktstand schaffen. Das projekt möchte die natürliche Vielfalt mit ungewönliche Caterings für Empfänge, Veranstaltungen und Co. zelebrieren und ausserdem das Konzept in Workshops den Menschen näher zu bringen. Zum Teil sind sie auch selbst mit ihren produkten auf Märkten zugegen.

Das "Mutato Project" von Uli Westphal hingegen kommt eher als Kunstform daher. Er fotografierte die gesamte Bandbreite der biologischen Abnormalien als Kunst. Die so entstandenen Collagen und Photogafien sind nicht nur fantastisch anzuschaun, sondern schlicht auch Dokumentation, dass unsere Lebensmittel eben nicht nach Konventionen wachsen, sondern ausgesiebt werden. Und auch, dass die Andersartigkeit eine gewissen Faszination und Schönheit beinhaltet. Ich finde fast alle Werke schlicht atemberaubend toll. Allein die Vielfalt seiner Tomaten-collage lässt mein Herz vor Freude höher springen. Einige sind fast zu schade zum essen. FAST.

Denn darum geht es, die irrationale Ausgrenzung unsere Lebensmittel vorzuführen. Ist es nicht aberwitzig, dass heutzutage Kinder kaum mehr wissen, dass auch Gurken krumm wachsen? Das eien Tomate nichts zwangsweise rund sein muss. Das Möhren auch mal mit 2 oder mehr "Wurzeln" wachsen?
Ich als Kind liebte besonders die witzigen Früchte: die Kartoffeln, die ein Gesicht hatten, Zwillingsmöhren,die Knautscherdbeeren und habe die mir immer bis zuletzt aufgehoben. Aber wirklich nachgedacht, wieso ich die NIE im Supermarkt finde, habe ich nicht. Bis heute. Schade. Eine Normwelt ist eigentlich nicht meine Welt!


1 Kommentar:

Kalliope hat gesagt…

Wenn ich mir überlege, was schon vor Eingang in den Verkauf alles weggeschmissen wird, nur weil wir uns zu fein sind auch eine verdrehte oder zwieselige Karotte zu essen, wird mir einfach nur schlecht... Wie dekadent sind wir eigentlich in unserer ach-so-zivilisierten Welt?