2013/07/18

Wenn ein Krieg gründlich schief geht... - "It's them Miller. Not us."

Eigentlich dürfte sich durch unsere Leserunde ja jeder, der will, genaustens informiert fühlen. Aber wenn man ein Buch noch lesen will, ist weniger oft mehr, und so habe ich mir zu Anfang gesagt, dass ich noch eine ganz normale Rezension schreiben will, die dann auch in meiner Liste auftaucht, ohne dass ich zuviel spoiler. Mal schauen, ob mir das nach soviel Diskussion gelingt...

Rezension zu Kristen Simmons "Article 5" [ebook, englisch]


Worum geht's?
Im USA der Zukunft hat der Krieg vieles zerstört und von der ehemaligen Weltmacht ist wenig zu spüren. Nach dem Krieg wird das Land von der Moralmiliz "aufgeräumt". Offiziell nennt sich das ganze "Federal Bureau of Reformation", die mittels der Moralstatuten regieren. Damit unterdrücken sie nicht nur Religions- und Meinungsfreiheit auch an Persönlichkeitsrechte ist da nicht zu denken. Es wird ein puritanisches Geschlechterbild gefördert und somit gelten eben auch ehelose Kinder als Verbrechen. Protagonistin & Ich-Erzählerin Ember ist ein ebensolches und so ist ihr Lebensziel, nicht aufzufallen, und keine Aufmerksamkeit erregen. Mit einer leicht rebelliösen Mutter kein leichtes Unterfangen und so werden wir recht schnell Zeuge der Brutalität des neuen Regimes, zu dessen ausführenden Organen auch Chase, der ehemalige Nachbar und auch Jugendfreund Ember gehört. 
Ein bisschen Mutter steckt auch in Ember, und so versucht sie schnell, der Besserungsanstalt, in die sie gesteckt wird, mit den sadisitischen Aufpassern und Lehrern zu entfliehen. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Chase sich als Schlüssel in die Freiheit entpuppt... 

Wieso?
Dystophisch geprägt,ist die Zukunft der USA dunkel, düster und nicht sehr freiheitsliebend. Die Idee der Welt ist dabei manchmal erschreckend nah am heutigen "Image" der USA, oh
ne freilich den Moralstatuten in irgendeiner Weise gerecht zu werden.  Aus der Perspektive von Ember als Ich-Erzählerin lernen wir das System kennen, und dabei wird nur Bruchstückhaft von den Warum und Wieso erzählt, das fuchst manchmal und lässt einen mit vielen Fragen zurück. 

Die Autorin bleibt lieber eng am Geschehen von Ember und ihrer nicht ganz einfachen Beziehung zu ihrer Mutter und Chase. Dabei fragt sich der Leser schon öfter, wie Ember mit ihrer Naivität so lange unerkannt bleiben konnte. Das Selbstbildnis der Protagonistin und ihre Taten klaffen weit auseinander. Interessanterweise kommt da Chase, der von Anfang an sympathisch und vor allem mit sehr viel Tiefgang auftritt, als Gegenpart sehr gelegen. Man ahnt von Anfang an, dass da mehr dahintersteckt, kann sich das Szenario aber nicht vollständig zusammenreimen. 

Die dazwischen geschobenen  Traum-  und Erinnerungssequenzen sollen dabei die vermeintlich "unbeschwerteren" Kinder- und Jugendtage beleuchten, geben aber nur wenig Einblick in die eigentliche Buchwelt. Hier merkt man den psychologischen Hintergrund der Autorin. Die Flucht der beiden ist ganz eindeutig inhaltsbestimmend und man wünschte sich mehr komplexere Komplikationen, ausgereiftere Situation. Die konsequente Fokussierung auf die Beziehung der beiden Protagonisten habe ich zwar nicht als störend aber doch als verschenktes Potential des Buches wahrgenommen. 

Gegen Ende nimmt die Geschichte deutlich an Fahrt auf, und gibt auch Ember Möglichkeiten als Charakter zu punkten. Man schwebt als Leser immer zwischen der extremen Spannung des furiosen Ende und dem verpassen der Zwischentöne und Details. Denn gerade am Ende punktet Simmons voll und ganz, nicht nur aufgrund des Schreibstils, vor allem auch durch tolle Nebencharaktere. Dabei klingt die Kritik eher im Leser nach, als im Buch, und - so dies gewollt ist - ziehe ich meinen Hut vor so viel Können.

Wieviele Sterne?
Hier habe ich lange gehadert: Zwischendrin, war ich schon eher bei 3 angelangt, aber der Schluss - das furiose Finale - hat hier echt vieles wieder gut gemacht. Da würde ich glatt 5 von 6 geben. Da es hier aber um das Gesamte geht, ist eine 4 - also gutes Mittelfeld gerechtfertigt. Würde ich Halbnoten geben, könnte ich mich auch zu einer 4.5 durchringen, aber vielleicht auch nur, weil ein gutes Ende eben vieles gerade richten kann. 


Wer ein YA Roman mit Dystophie-Hintergrund erwartet, bekommt genau den und auch einen richtig Guten. Wer auf eine tolle Dystophie mit einem tollen Setting hofft, wird ein wenig enttäuscht, denn die Romanze und die YA Momente überwiegen doch merklich und lassen viel Spannung und Potential verpuffen. 
Als Einstiegsroman in eine Reihe sehr schön, als Einzelroman lässt er den Leser etwas zu sehr im Regen stehen. 
Fazit: 4 von 6 Sternen


aufgeschlüsselt:
Story: 4 / 6
Sprache: 4 / 6 
Charaktere: 4 (oder doch 5 ?)/ 6
Spannung: 5 / 6
fikt.Welt: 3 / 6 


Article 5  - Kristen Simmons - Tor Teen - 8. Jan 2013 - [englisch] - ISBN-10: 0765329611 - ISBN-13: 978- 0765329615 - Paperback [384 pages]

1 Kommentar:

Kalliope hat gesagt…

Sehr schöne und treffende Rezension. Mal sehen, ob ich auch noch eine (hoffentlich) spoilerfreie Rezi verfasse... Der Leserunden-Abschluss fehlt ja auch noch, aber da bin ich grad irgendwie unkreativ...:(