2013/07/30

"Sie hatte gewonnen, sie starb als Mensch..."

Rezension: Stephanie Meyer - "Seelen" - (OT: The Host) [deutsch - Hardcover] 

    Lange, lange habe ich mich gesträubt. Zugegeben auch, weil ich Mrs. Meyer einfach nicht abgenommen habe, dass ich das mit Science Fiction/Dystophie und/oder Utopie hinbekommt. Also tiefsinnig genug. Romantasy ist das eine - und mal ehrlich Edward und Bella sind jetzt nicht die tiefgründigsten aller Literaturcharaktere - aber ja, Utopie ist für mich etwas das von den "guten" Charakteren lebt, dass man ihnen  eine solche Welt abkauft. Naja vielleicht war/ist es einfach nur Verbohrtheit - vielleicht auch schlicht Vorurteil. Bei mir brauchte es also den Film, der trotz Ausrichtung auf die Romanze jetzt gar nicht sooo schlecht war und den Hinweis des Helden, dass er das Buch gar nicht schlecht fand.

    [Verlagstext]: "Planet Erde, irgendwann in der Zukunft. Fast die gesamte Menschheit ist von sogenannten Seelen besetzt. Diese nisten sich in die menschlichen Körper ein und übernehmen sie vollständig - nur wenige Menschen leisten noch Widerstand und überleben in den Bergen, Wüsten und Wäldern.
    Eine von ihnen ist Melanie. Als sie schließlich doch gefasst wird, wehrt sie sich mit aller Kraft dagegen, aus ihrem Körper verdrängt zu werden und teilt ihn fortan notgedrungen mit der Seele Wanda. Verzweifelt kämpft sie darum, ihren Geliebten Jared wiederzufinden, der sich mit anderen Rebellen in der Wüste versteckt hält - und im Bann von Melanies leidenschaftlichen Gefühlen und Erinnerungen sehnt sich auch Wanda mehr und mehr nach Jared, den sie nie getroffen hat ...
    Der ungewöhnliche Kampf zweier Frauen, die sich einen Körper teilen müssen, eine hinreißende Liebesgeschichte und die wohl erste Dreiecksgeschichte mit nur zwei Körpern."

    Worum geht's?
    Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft. Die Erde ist endlich friedlich, kein Krieg, keine Auseinandersetzung. Friede, Freude, Eierkuchen? Naja nicht ganz, denn die Menschen sind nicht mehr das, was sie mal waren, was sich hauptsächlich an ihren Augen ablesen lässt. Denn die Menschen sind nicht mehr Herr ihrer Sinn, denn sie sind "nur" noch Wirte für Seelen, Aliens - spinnenartige Wesen, die sich mit den Nerven und Gehirnwindungen ihrer Wirte verknoten, und diesen übernehmen. Naja, meistens zumindest.
    Die Seele Wanderer wird in eine Rebellin namens Melanie gesetzt und Melanie hat nicht vor ihren Körper aufzugeben. Und darauf baut die Sucherin. Denn sie will die letzten Rebellen finden, nur so wird die Welt vollends friedlich. Und die Wanderin? Mit Erfahrungen von 8 anderen Welten und einer ausgeprägten Neugier verschweigt sie der Sucherin ihre anfänglichen Schwierigkeiten und schon bald "arrangiert" sie sich mit ihrer Mitbewohnerin. Ein innerer Kampf - ein innerer Überzeugungskampf entbrennt - friedvoll und doch um's Leben kämpfend - und schon bald muss die Seele mit menschlichen Gefühlen, mit Sorgen und Instinkten, mit Wünschen und mit den vielerlei Arten von Liebe umgehen lernen. 
    Denn mit Melanie hat Wanderer nicht nur einen Körper besetzt, einen rebellischen Wirt, sie bemerkt sie hat eine Vergangenheit - nicht vollständig ihre - und damit Verantwortung, Pflichtgefühl - nicht nur ihrer Rasse gegenüber - nein sie hat auch Abenteuersinn in sich. Und eine Sehnsucht - eine Sehnsucht nach Jamie und - nach Jared. 
    Verwirrt und Versucht gibt sie dieser nach und findet sich auf dem wohl grössten Abenteuer ihrer 8 Leben wieder - in einer Welt die so unperfekt und doch so viel schöner und aufregender ist, als sie sich je vorstellen konnte.
    Und so wird aus Wanderer - Wanda.

    Wieso?
    Zwar mit einer Dreiecksgeschichte (naja, wohl eher Vierecksgeschichte) gespickt - Frau Meyer kann wohl nicht ohne - ist Seelen nicht NUR eine Romanze. Denn diese (entgegen dem Film) klingt nur hin und wieder an. 
    So ist Seelen halb ein Abenteuerroman und halb eine Suche zu sich selbst. Für Wanderer, die Seele, und für Melanie, der besetzte Mensch. Beide erkennen schnell, dass der Kampf gegeneinander - aufgrund zweier starker Charaktere - unabdingbar ist, aber dass sie eben nur gemeinsam Ziele erreichen können. Komplex, verwirrend und immer wieder auch fehlerhaft und voller Missverständnisse. Und so ist Seelen auch philosophisch, und sicher für jeden Leser anders. Um Seelen wirklich begreifen zu wollen, muss man sich dem Buch und der Idee dahinter hingeben, ab und zu pausieren - in sich gehen. Der innere Monolog - "Was wäre wenn," ist dabei ebenso spannend wie die Geschichte selbst und so trägt der Leser selbst die Tiefe der Lektüre in sich.
    Und trotzdem - auch unter Stress und ohne Selbstreflexion - ist Seelen ein Pageturner mit Suchtcharakter, mit leisen Momenten und voller dann wieder Spannung. Der innere Kampf beider Seelen - alien und menschlich - triebt die Geschichte an, gibt ihr Tiefe und Komplexität.

    Und auch die Nebenfiguren verdienen Lob: einige simple und flach, einige komplex und vielschichtig, sich verändernd. Real und fehlerhaft, einige durchgeknallt und einige sehr am Boden. Die Beziehungen verändern sich - allen voran natürlich die von Mel und dem Wanderer - die Gegebenheiten ändern sich. 
    besonders hervorheben möchte ich die Sucherin, deren Charakter im Film sehr einseitig wegkommt. Auch im Buch bekommen wir nur winzige Andeutungen, die sich in den letzten Kapiteln bewahrheiten. Und vielleicht aufgrund meiner Vorlektüre (Charakter Delilah Kristen Simmons - Artikel 5) und der Reflexion eines dortigen, nachhallenden Charakters, hatte ich früh eine Vorahnung. Aber egal wieso, mir hat dieses Leseerlebnis sicher nicht NUR den Urlaub versüsst. Mit ein bisschen Zeit würde ich das Ganze gerne wiederholen und einen neuen Blickwinkel mit "Seelen" erlesen. 

    Definitiv eine absolute Leseempfehlung von mir - überraschend und doch komplett verdient.  


    "Aber es gab Gerüchte: von menschlichen Wirten, die so stark waren, dass die Seele gezwungen war, sie zu verlassen. Wirte, deren Geist nicht vollständig unterdrückt werden konnte, Seelen, die eher die Persönlichkeit des Körpers annahmen als umgekehrt. Geschichten. Wilde Gerüchte. Verrücktheiten."  (S.Meyer, Seelen, S.26)
    * * *
    "Ich wusste, was sie antworten würde. Vielleicht würde sie versuchen, mich zu trösten. Als Belohnung dafür, dass ich sie zum Sterben hier raus geschleppt hatte. Sie hatte gewonnen, sie starb als Mensch." (S.Meyer, Seelen, S.161)
    * * *
    "Seine Hand strich immer noch über meinen Arm. "Möchtest du, dass ich aufhöre?" 

    Ich zögerte, "Ja," entschied ich "Das ... was du da tust ... macht es schwierig für mich nachzudenken. Und Melanie ist ... wütend auf mich. Das macht es auch schwierig, nachzudenken."
    Ich bin nicht wütend auf dich. Sag ihm, er soll verschwinden.
    Ian ist mein Freund. Ich will nicht, dass er verschwindet." 
    (S.Meyer, Seelen, S.543)

    Sprache:
    Diesmal hab ich Frau Meyers im deutschen gelesen und bin nur selten über Sätze gestossen, die sicherlich im Original noch ein wenig mehr Pfiff und Sprachwitz vermuten lassen. So denke ich, dass der Charakter der Sucherin in der Übersetzung ein wenig Zweideutigkeit verloren hat, und auch die innere Monologe von Wanda mit Mel würde ich gerne im Original lesen. Nichtsdestotrotz las sich die Übersetzung flüssig und stilreich, abwechslungsreich und vor allem spannend.
    Man merkt dem Buch die durchaus gewachsene Erfahrung der Schriftstellerin an. Absolut lesenswerte Dialoge, und Gedankenspiele. Ich war fasziniert...  
    Fazit:
    knapp, aber 6 / 6 

    aufgeschlüsselt:
    Story: 6 / 6
    Sprache: 5 / 6
    Charaktere: 6 / 6
    Spannung: 5 / 6
    fikt.Welt: 6 / 6



    Stephanie Meyer - "Seelen" - Carlsen Verlag GmbH - Hamburg - 2008 - Orginaltitel: The Host - ISBN 13: 978-3-551-58190-7

    Kommentare:

    Kalliope hat gesagt…

    Hmmm... mist. Ich glaube, meine Wunschliste wird voller und voller... Und ich hab' doch grad gar keine Zeit zum Lesen solcher Wälzer. (Lese gerade fast nur noch Fachliteratur.) Seufz. Aber ich merk's mir einfach mal vor... Klingt nämlich wirklich verdammt gut, so wie es aus deiner Rezi zu lesen ist. Der Klappentext hätte mich jetzt gar nicht mal soooo überzeugt.

    momo hat gesagt…

    hah, da geht's dir so wie mir, wenn ich immer die tollen rezensionen auf anderen blogs lese... damaris ist da (für mich und meine wunschliste) besonders schlimm...