2013/07/16

Leserunde zu "Artikel 5" von Simmons - vierte Woche (Kapitel 14-Ende)

Grundlegendes und Einführendes zur Leserunde gibt es hier, alles rund um und zu dieser Leserunde hier. Und natürlich auch Kalliopes Gedanken zu dieser Woche, spoilerfrei empfehle ich allerdings ihre Übersicht

Wir freuen uns über eure Beteiligung an der Diskussion, über eure Fragen und Anregungen.

Heute stehen bei mir die Kapitel 14-17 im Fokus, das Buch hat übrigens 17 Kapitel, das ist also das Ende.

Im übrigen hatte ich den Artikel schon letzte Woche vorgeschrieben. Die geplante Veröffentlichung hat wohl nicht so geklappt, also gibt es jetzt die überarbeite Version. Sorry. 


Zur Leserunde:
Auch wenn es wenig bis gar kein Feedback hier auf unseren Blogs gab (was doch ein wenig traurig ist), war es ja eigentlich für mich ein Experiment, wie ich MIT anderen lesen kann. Das ich mir mit Kalliope einen absoluten Lieblingsleser ausgesucht habe, kommt nicht von ungefähr, lese ich ihre Rezensionen doch immer extrem gerne und bin vor allem sehr gespannt, was sie von mir bekannten Büchern hält. Das hat sich auch tatsächlich bewahrheitet und war tatsächlich sehr motivierend.

Problematisch ist der Anspruch an mich selbst: Normalerweise lese ich ein Buch ohne Hinblick auf meinen Blog, gefällt es mir, kommen mir Gedanken, wird es eine Rezension oder ein Statement, wenn nicht, eben nicht. Deswegen gibt es hier wohl sehr viel weniger Lesecontent, als ich tatsächlich lese und deswegen ist dies kein reiner Buchblog. Ich las also in der Leserunde angespannter, nicht so drauflos und auch die Zerteilung hat etwas Mühe gekostet. 

Die Einteilung war dabei das problematischste für mich. Wie teilt man ein, ohne dass man das Buch kennt. Es führt zu der Überlegung, demnächst - sollte ich das wiederholen (und das kann ich mir tatsächlich vorstellen) - mindestens einen in der Gruppe zu haben, der das Buch als reread liest. Zum einen stelle ich mir den Input da sehr nett vor, zum anderen kann der , besser am Buch die Einteilung ausmachen. Und ich würde gern mindestens 3 Meinungen haben.

Über die Erfahrung als solche - auch die Unterschiede zwischen deutsch und englisch - ebook und reales Buch, würde ich gerne gesondert schreiben. Vielleicht auch mit Input von Kalliope.
Alles in allem, danke Kalliope für das Erlebnis, es war - mit Abstrichen aufgrund meiner Erwartungen an mich - ein wirklich tolles Lesen und vor allem ein toller Austausch. Durch dich hat das Buch - gerade im Mittelteil - schwer gewonnen. Ich ziehe meinen Hut. 


Worum geht's?
Die Nachricht hat Ember schwer erschüttert. Und nicht nur dass, dass Chase sie so dermassen belogen hat, verkraftet sie einfach nicht und flüchtet sich in sich selbst. Natürlich rennt sie wieder davon und wird gefasst. Aber eigentlich will sie ja auch gar nicht mehr leben. 
Und so kommt sie wieder in der Fänge der MM. Doch diesmal nicht in ein Rehabilitionszentrum, nein schlimmer. 
Als sie aber dort über die inneren Strukturen mehr in Erfahrung bringt als sie sollte, erwacht sie endlich. Wenn nicht für sich, dann doch für andere will sie diese Informationen der Rebellion bringen. Für Rebecca, für alle die unter der MM leiden. Uns so wird aus der naiven Protagonistin tatsächlich eine Kämpferin, eine eigenständige Person. 
Und damit gibt es endlich den von mir erhofften Showdown.

(Achtung:  nach diesem Break geht's es detailreich weiter, also Spoilergefahr)


Was ist drin? (Setting/Buchwelt)
Das Gefangenenlager ist das perfekte Setting für die Endzeitstimmung und den Showdown des Romans. Trotz einiger treffender Beschreibungen überlässt es die Autorin auch der Fantasie des Lesers sich diesen Ort vorzustellen, und gab so den letzten Kapiteln den entsprechenden Drive. Im meinen Kopf überschlugen sich die Bilder aus KZ-Filmen und Ähnlichem. Die Brutalität und Aussichtslosigkeit wird einem fast zuviel, sodass man diese nicht vermisst. Jeder wird hier sich anderes vorstellen und jeder wird den Kern treffen, die Parallelen sind sicher nicht unbeabsichtigt hineingeraten. 

Wer ist drin?
Ich hätte es ja kaum mehr zu hoffen gewagt, aber ja, es ist eine (gewaltige) Charakterentwicklung bei Ember zu verzeichnen. Endlich. Der tragische Verlust - und natürlich die naive Reaktion darauf (nämlich die Flucht, nachdem sie sich erstmal gewaltig die Schuld gab , von wegen "...hätte..., ...wenn..., ..dann..., ...aber..., ...würde..." (die Gedankenspirale ist uns Leser ja hinreichend bekannt) -  setzt bei Ember endlich etwas ein. Ihre toughe Art imponiert mir, vielleicht weil ich solang darauf gewartet hab. Gerade durch ihre bisherige Nichtanteilnahme sind ihre Aktionen umso schockierender. Die Einsicht kommt zwar spät, aber immerhin, aber das macht sie mit ihrer kühlen und beinahe knallhart berechnenden Art wieder gut.


Chase hingegen wurde in den letzten Kapiteln ein bißchen die Opferrolle zugeschoben, zugegeben  mit den beschriebenen Verletzungen bleibt ihm nicht viel anderes übrig. Wieder versucht er Ember zu retten, und setzt dabei einiges (nicht zuletzt sein Leben) erneut auf's Spiel. Und auch wenn es so etwas abflacht, ist sein Charakter für mich der absolute Retter des Buches, ohne ihn hätte ich sicher abgebrochen. Und so sehr ich mich mit der Romanze zwischen den beiden Hauptfiguren anfreunden kann, diese aufopferungsvolle Liebe, geht mir gegen den Strich. Es ist immer etwas "too much". Und in den ersten Kapiteln fragt man sich schon, wieso?

Die Schwarz/Weiss-Maleriei findet ihren Gipfel sozusagen in Tucker: Er - als Soldat - vom Ehrgeiz zerfressen, der mit dem System schwimmt und immer non stop versucht ist, seine Position zu verbessern, egal welche "Opfer" er bringen bzw. erbringen lassen muss . Kein Preis ist ihm zu teuer, auch wenn er buchstäblich über Leichen gehen muss.  Vielleicht ein/der "Göring" des Buches. Gerade am Ende des Buches ist er sozusagen die Verkörperung des Bösen, hier gibt es auch keinerlei Beschönigung, die Autorin nimmt ihn, um die Brutalität des neues Systems abschliessend und umfassend aufzuzeigen, auch um einzelne sadistischste Handlanger "anzuführen". Es ist fast schon zu passend, dass ausgerechnet bei ihm Ember ihren Ehrgeiz findet, einen Ausweg zu finden.

Immerhin bleibt da Delilah als undurchsichtiger Charakter. Man fragt sich, was sie wohl treibt, was ihr widerfahren ist, dass sie den Job macht. Denn sie wirkt fast teilnahmslos, und ist selbst beinah kommentarlos ob der "Säuberungen", die sie durchführen muss - ein vollends gebrochener Charakter, der mich regelrecht grübeln zurückliess und auch Grund dafür, dass das Buch länger nachklingt, als vermutet.

Wie liest's sich's und wie ist es erzählt?
Ohne das Ende wäre das ein eher mittelmässige Leseerfahrung geworden, so
packt einen Simmons aber richtig. Rüttelt einen auf, macht einen munter - Und schockt. An Keinem werden die hochspannenden letzten Seiten einfach vorbeigehen. Gewieft lenkt die Autorin  dabei - mit kleinen Einschüben und Hinweisen - die Fantasie des Lesers, ohne diese durch Beschreibungen zu erdrücken. Der Spannungsmoment bleibt dabei immer erhalten, und man ist förmlich zerrissen davon kein Wort zu verpassen, aber schnell weiterzulesen, wie es weitergeht. So wie ein gutes Buch sein sollte. Dabei klingt die Kritik eher im Leser nach, als im Buch, und - so dies gewollt ist - ziehe ich meinen Hut vor so viel Können.
Das Ende soll natürlich hier nicht verraten werden, aber soviel, wer sich durch den Anfang und den Mittelteil eher quält, kann sich auf ein furioses Ende gefasst machen. Zum Glück.

Zitate

"I cried until the tears dried up. And when they did, my body cried without them.Every image that entered my mind pained me. Every thought led me to the same conclusion.I was alone. Absolutely alone. "(Simmons, S. 309, 85%) 
"It was Sean's words that slid through my torment.
It's them Miller. Not us. It's the FBR that should be sorry."(Simmons, S. 328, 90%) 

"My mother was gone, and with her, the child I had been. She'd taken with violence, as had my youth, and in their place a new me had awakened, a girl I didn't yet know. I felt achingly unfamiliar."(Simmons, S. 361, 99%) 




Gutes & Schlechtes 
+ gelungenes Ende, furioses Finale
+ einfache Sprache, flüssig und leichtes Lesen
+ Ember als "ich-Autor" entwickelt sich
+ Delilah als Nebencharakter
+ Nachklang

- schwarz/weiss-Malerei in den Figuren
- nicht nur leicht fragwürdige Rollenverteilung, aber eben typisch
- auch im Endteil steht die Romanze etwas zu sehr im Vordergrund


Fazit

Hatte ich zwischendrin doch erhebliches zu bemängeln, macht das Finale doch einiges wieder gut, ob vom Spannungsverlauf als auch von der Charakterentwicklung. Auch wenn es gerade von den Hintergründen einiges zu wünschen übrig lässt. Gegen Ende schwebt die Liebesgeschichte zwar weiterhin im Vordergrund, aber bekommt weniger Platz. Hier geht es um Ember und ihr Aufwachen und das steht der Geschichte wirklich gut. So stimmt mich das Ende, versöhnlicher als die Mitte es vermutet hatte und ich würde dem Buch gerne 4,5 Sterne von 6 geben. Denn für 5 reicht es aufgrund der verschenkten Möglichkeiten nicht, aber NUR Mittelfeld ist es aufgrund des furiosen und - zumindest bei mir - nachklingenden Ende auch nicht verdient. Da es hier aber um den letzten Teil geht, verteile ich gerne die 5 Sterne.

Fazit: 5 von 6 Sternen 
aufgeschlüsselt:
Story: 5 / 6
Sprache: 4 / 6 
Charaktere: 5 / 6
Spannung: 6 / 6
fikt.Welt: 5 / 6 

Ich werde klingen lassen und dann gibt es wie eine Gesamtzusammenfassung für alle die, die das Buch noch lesen wollen. Eine echte Rezension. Yeah. Hoffentlich.

Article 5  - Kristen Simmons - Tor Teen - 8. Jan 2013 - [englisch] - ISBN-10: 0765329611 - ISBN-13: 978- 0765329615 - Paperback [384 pages]

Kommentare:

Kalliope hat gesagt…

Juhu, ich freu' mich, dass unser Lesevorhaben so geglückt ist. Danke für deine lieben Worte, die ich so nur zurück geben kann! Ich glaube, ohne das gemeinsame Lesen und Austauschen wäre das Buch hier unter ferner liefen eingestaubt. Du hast mich zum Ende hin echt nochmal motiviert und das hat sich dann auch noch so sehr gelohnt. Toll.
Das Ende fand ich wirklich gut. Schade, dass das Buch vor allem im Mittelteil so flach bleibt. Gerade ab Kapitel 14 hat Simmons bewiesen, was sie drauf hat. Da hätte es noch so viel Potential gegeben, das vorher ausgeschöpft wirklich ein tolles Gesamtbuch hätte liefern können.
Delilah gibt mir auch nach wie vor zu grübeln. Muss an eine Ausstellung zum Thema "Folter und Hierarchie" denken, da hatten sie das Bsp. einer Frau, die zunächst genau so schlecht behandelt wurde, wie alle anderen Gefangenen des betrefflichen Regimes. Eines Tages bekam sie einen Putzeimer und einen Lappen. Das war sozusagen ihr Aufstieg. Und prompt hat sie ihre Utensilien gehegt und gepflegt wie die größten Schätze der Welt, hat im Gefängnis geputzt und fing mehr und mehr an, ihre Machtposition zu genießen und zu festigen. Bis sie eines Tages schließlich selbst gewalttätig gegenüber der anderen Gefangenen wurde. So schafft man sich treue Mittäter...

momo hat gesagt…

Ich glaube ja, man unterschätzt, was in die enge getriebene menschen tun, um sich und ihr leben zu schützen. das fängt bei der kampusch (??) an und hört bei so einer gschichte, wie du sie erzählst nicht auf.
ich glaube auch, dass da einiges an potential verschenkt wurde und es ist ein bisschen traurig, dass da ein lektor etc nicht eingreift. aber andereseits hatte ich ja schon hier und da das gefühl, dass da etwas eingeschoben wurde. HMPF... es ist und bleibt für mich gutes Mittelfeld...

Kalliope hat gesagt…

Das denke ich auch! Wenn das Leben bedroht ist, greifen ganz andere Mechanismen, der Verstand tritt in den Hintergrund, der Instinkt leitet. Wobei... hm. Da mag ich auch nicht von Instinkt sprechen, wenn es an solche Gräueltaten geht, denn welches Tier, das ja instinktgeleitet ist, würde seinen Mitwesen so bewusst solches Leid antun? Was da wohl aussetzt? Hier hätte ich mir im Buch auch mehr Ansätze zur "Erklärung" gewünscht, immerhin ist Simmons ja Psychologin! Im Nachwort schreibt sie, dass ihre Lektoren häufig Passagen gestrichen haben, durchaus mal 50 Seiten am Stück. Würde mich brennend interessieren, ob das nicht sogar weitere Erläuterungen gewesen wären?!

momo hat gesagt…

Hmh, das hatte ich nicht gelesen, was wohl daran liegt, wenn ich ein ebook lese und ich bin am Ende der Geschichte, bin ich weniger neugierig (und vergesse es schlicht, bzw bemerke es auch nicht) dass da evtl. noch andere seiten sind...
aber interessant, da würde mich natürlich brennend interessieren, was da gestrichen wurde. und vielleicht hadere ich ja weniger mit der autorin als dem lektor. denn vllt. standen da eher verkaufszahlen im vordergrund - love stories in YA verkauft sich ja immer gut - und ich tue simmons sehr unrecht. hach. das ist echt etwas, was ich an independet/self publishern mag, ich kriege das, was der autor vorgesehen hatte. Ohne einmischung. Das kann schlecht sein, aber so manches mal waren das für mich echte perlen, weil da eben keiner die leserzahlen (oder weniger) im kopf hatte, sondern evtl. NUR die geschichte...

Kalliope hat gesagt…

Ja, die Frage habe ich mir auch gestellt, ob ich eher auf das Lektorat schimpfen sollte, als auf Simmons, die Potential verschenkt hat. Aber das werden wir wohl nie in Gänze erfahren. ;)
Stimmt schon, dass Self Publisher den Fokus auf ihre Geschichte legen können, ohne einen auf Verkaufszahlen versteiften Lektor/Agenten/Verleger/... - aber was mich dann so riiiichtig nervt, ist wenn die Rechtschreibung/Grammatik/Zeichensetzung unter fehlendem Lektorat leidet, ehrlich, das macht mich total fuchsig, wenn ständig Kommata fehlen oder falsch gesetzt sind, Wörter falsch geschrieben werden, etc. Das kann mir so richtig die Freude am Lesen nehmen...

momo hat gesagt…

@kalliope: da habe ich ja im deutschen den vorteil, dass ich es (zumeist) nicht mitkriege udn schlicht überlese. wenn ich es doch mitkriege udn mich störst, ist es weitrein böse und so eh nicht zu empfehlen. Und viele selbstpublisher haben ja immerhin freunde etc die mal drübergelesen haben, ging zumindest mir so... da kommt einiges bei rum, normal... aber mich stört an der momentanen buchszene, dass es nicht um vielfalt sondern nur um das bedienen von hypes geht....

Kalliope hat gesagt…

Jap... Hauptsache, es verkauft sich gut. Habe auch den Eindruck, dass immer weniger gewagt wird, sondern wenn ein Buch Erfolg hatte, werden möglichst viele in der gleichen Machart rausgehauen. Da muss man dann doch eher bei den kleinen Verlagen schauen, wenn man was Mutiges, was Neues, was Anderes entdecken möchte. Oder wie du sagst bei Self-Publishern schauen (die hoffentlich viele Bekannte hatten, die mal über ihre Manuskripte gelesen haben ;)).