2013/07/01

Leserunde zu "Artikel 5" von Simmons - zweite Woche

Grundlegendes und Einführendes zur Leserunde gibt es hier, alles rund um und zu dieser Leserunde hier. Und natürlich auch Kalliopes Gedanken zu dieser Woche, spoilerfrei empfehle ich allerdings ihre Übersicht

Wer sich der Leserunde anschließen möchte, kann das weiterhin gern tun! Wir freuen uns über jeden, der mitmachen möchte, über eure Beteiligung an der Diskussion, über eure Fragen und Anregungen.

Heute stehen bei mir die Kapitel 6-9 im Fokus!


Worum geht's?
Unverhofft kommt oft, gerade in Dystophien: Nachdem es ihr also - überraschend - doch gelungen ist dank Chase zu fliehen, befinden wir uns auf der Flucht durch das doch einigermassen verwüstete Nordamerika. Der Großteil des Landes ist evakuiert, auch wenn es hie rund da noch Widerständler/freiwillige Aussenweltsbewohner gibt.  

Dabei weiss zum zumindest die Heimleitung (noch) nicht dass Ember flüchtig ist, Chase hat jedoch viel aufgegeben. Er ist flüchtiger Soldat, es steht viel auf dem Spiel. Chase hat Embers Mutter versprochen, sie zu einem Schleuser zu bringen, der sie (also überhaupt Menschen, die mit den neuen Moralstatuten in Konflikt geraten sind) in einen sicheren Unterschlupf bringen kann. Aber sicher ist nichts. 
Aber die Hoffnung bleibt, am Ende am "vereinbahrten" Treffpunkt ihre Mutter wiederzusehen...  



(Achtung:  nach diesem Break geht's es detailreich weiter, also Spoilergefahr)



Was ist drin? Setting/Buchwelt
Mir fehlen HINTERGRÜNDE!!! Vielleicht ist das der Grund, warum ich mit der Geschichte nicht so richtig warm werde. Ich frage mich stetig, warum/wieso? Vielleicht komme ich auch nicht in die bedrückende Stimmung rein (also in der Besserungsanstalt schon, aber danach), aber irgendwie fehlt mir als Leser die Gefahr. Also sie ist schon da, und wird beschrieben, aber sie packt mich nicht. Vielleicht weil die Figuren sich bisher immer zu einfach rauswinden. Also kurz als Ember der verrückten Mutter in die Arme läuft, aber ganz prinzipiell hab ich mich da auch eher gefragt, was das soll.  

Wer ist drin?

Ember ist weiterhin unsere Hauptprotagonistin, verständlich als Ich-Erzählerin, allerdings passiert hier komisches. Je mehr ich lese, desto weniger mag ich sie. Ich bin schnell mit ihr warm geworden, aber jetzt hab ich immer wieder so Momente, in denen ich als Leser innerlich die Augen rolle. Es passt nicht zusammen: sie stellt sich so tough dar, aber  reagiert so fürchterlich unerwachsen. Manchmal will man sie einfach schütteln. Die Autorin scheint mehr "Erwachsenheit" in die Gedanken und Beschreibungen fliessen zu lassen, als in ihre Aktionen. Das macht sie teilweise sehr nervig, weil nicht nachvollziehbar.
Chase hingegen entpuppt als tiefgängiger Charakter. Wir erfahren ein bisschen über seine Vergangenheit. Das macht ihn sehr viel verständlicher, man kann sich gut in ihn rein fühlen. Aus Embers Sicht erscheint er irrational, mit als Leser ist er sehr sympathisch, überlegt. Ein echter Fels - und Sympathieträger.
Auch von der Mutter lesen wir, aber Embers Beschreibungen lasen sie als sehr leichte Person, mit wenig Tiefgang erscheinen. 
"'I just never would have described her as clear-headed.' [..] 'You would have been proud of her,' he said quietly."(Simmons, S.150)
Sorgenlos (in der Welt, nach dem Krieg???), unbedacht, sich durchwurschtelnd. Irgendwie Hippie nur ohne Gedanken. Man fragt sie ernsthaft, wie das bisher gut gegangen ist. Und wieder. Es fehlen Hintergründe. Oder ich - als Leser - denke zu viel. 


Wie liest's sich?
Wenn ihr ehrlich bin, hab ich mir von der Fluch mehr erwartet. Es fing spannend an, mit den Straßenkontrollen. Aber natürlich war Chase vorbereitet. Und Ember spielt ihm - ohne Wissen - in die Karten. Aus meiner Sicht nicht wirklich clever, zu "smooth" das Ganze. Auch habe ich mehr Tiefgang erwartet. Der Leser ist zu sehr in Embers Gedankenwelt gefangen. Und dabei mag ich Ich-Erzähler. Aber hier. Naja. Hauptsächlich ist es die Frage, soll ich Chase vertrauen, die mich wahnsinnig macht. Weil ihre Sicht auf Soldaten manchmal fürchterlich naiv ist. Ja, ich verstehe, dass sie nach den Erfahrungen im Camp jetzt nicht Sonnenschein ist, aber - hach - schwierig.
Allerdings sind einzelne Szenen durchaus vielversprechend, bergen Potenzial. Allzu früh lösen sich diese allerdings wieder oder vergehen einfach ungelöst. Das frustriert mich ein wenig beim lesen.  
Prinzipiell bleibt die Spannung zwar erhalten, aber die Schriftstellerin sollte  besser kein Drehbuch für ein RoadMovie schreiben. 

Wie ist es erzählt?
Weiterhin liest es sich flüssig, wenn auch einfach. Das ist zum einen gut, zum anderen gibt es den Fokus frei auf Embers Unentschlossenheit. Und da es in ihrer Sichtweise erzählt wird, naja legt sich das eventuell auch ein wenig auf meine Sicht auf Ember. 
Ich würde mir manchmal mehr Finesse wünschen. Nach wie vor hadere ich mit den Traumsequenzen, auch wenn der Leser hier Hintergründe erfährt. Vor allem über Chase und Embers Beziehung zuvor. Ihre (gemeinsame) und vor allem auch seine Vergangenheit. Nichtsdestotrotz erscheint mir es ein wenig lieblos hineingeworfen. Aber vielleicht ist das gewollt oder ich bin übersensibel.

Zitate


"He gripped the barrel, offered the weapon to me.
'I ... I don't like guns,' I said.
'You and me both.'
That was surprising. As a soldier, he would have been used o carrying a firearm."(Simmons, S.127)

"'When I got there, they brought me down to that room, and I heard you. I can't get it out of my head.'
The shack. He'd interrupted Brock and the soldiers just before my punishment. I'd screamed. The memory of it was enough to make me ill.
'You want to talk about this now?' I asked, incredulous."(Simmons, S.141)

"I didn't get it. He'd been a soldier, automatic and emotionless, just moments ago. He'd tried to kill that man. He would have, had I not distracted ihm."
(Simmons, S.150)

"By the time we'd passed Winchester, Virginia - a small town occupied by civillians - I'd made up my mind to leave him." (Simmons, S.153)

Gutes & Schlechtes
+ einfaches Englisch
+ Flucht als Dystophie-Element funktioniert immer
+ Chase Charakter

- weiterhin die Hintergründe des Settings
Embers Charakter,
- sowie die Rollenverteilung (Ember denkt sich tough, muss aber stetig von Chase gerettet werden)


(bisheriges) Fazit

Das Potential der Geschichte sehe ich unzureichend ausgeschöpft. Aus meiner Sicht wäre da viel mehr gegangen. Trotz steter Spannung aufgrund der Flucht tröpfelt/planscht die Geschichte so vor sich her. Sie packt mich NIE ganz. Das ist schade. Denn mein Kopf erwartet bei jedem Detail so viel mehr. Und dann PUFF. Nichts bzw. wenig passiert. Ich bin ein wenig unzufrieden. Aber vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch. Fazit: 4 von 6 Sternen (wegen Chase als Charakter)
aufgeschlüsselt:


Story: 4 / 6
Sprache: 3 / 6 
Charaktere: 3-4 / 
Spannung: 3 / 6
fikt.Welt: 4 / 6 

Article 5  - Kristen Simmons - Tor Teen - 8. Jan 2013 - [englisch] - ISBN-10: 0765329611 - ISBN-13: 978- 0765329615 - Paperback [384 pages]

Keine Kommentare: