2013/07/31

Diskussionsfrage: "Wieso sollten Bücher im Regal ungelesen aussehen?"

Nachdem Paperthin mit ihrer Montagsfrage, ob man denn Buchrücken brechen würde, doch die Lese- und Buchblogwelt spaltete und ich mir immer mehr die Antworten der Gegner - nennen wir es kritisch - ansah, bemerkte ich eine gemeinsame Argumentationskette.
Oft las ich so etwas: "Seid ihr Rückenbrecher? Oder geht ihr mit euren Büchern vorsichtig um?"
Das Buch soll im eigenen Buchregal schön aussehen, im Bestfall sozusagen "ungelesen".

Ich gebe zu, das schlägt mir etwas auf den Magen: Meine Mutter hatte mal eine Freundin, die Bücher nur aus Dekorationgründen und daher nach Farbe und Grösse kaufte. Sie hatte keines ihrer Bücher je geöffnet. Dennoch hatte sie in ihrer Wohnung doch so einige Buchreihen stehen.

Für mich grenzte das immer an Blasphemie. Mir taten diese Bücher leid. Sie würden niemals gelesen werden. Niemals aufgrund ihres Inhaltes wertgeschätzt werden. Bücher besitzen ohne zumindest den Wunsch zu verspüren, sie lesen zu wollen, für mich ein Unding!

Okay - ich habe NICHT alle meine Bücher gelesen. Manche werde ich wohl auch NIE lesen, weil sie eher dem Buchgeschmack des Helden zugehören, oder weil sie Teil einer Reihen waren, und im Pack kamen. Aber immerhin ist da der Wunsch sie zu lesen, mehr oder wenig gross. Andere wurden abgebrochen und warten auf ihre 2.te Chance.

Den Grossteil habe ich jedoch gelesen und irgendwie sieht man ihnen das an. UND das macht es für mich aus. Ich liebe Bücher. Aber sie sind KEINE Dekoration, sie sind im besten Sinne Gebrauchsgegenstände. Alles andere finde ich IRRWITZIG.

Den Wunsch das ein Buchregal ungelesen aussieht, kann ich - sorry - komplett nicht nachvollziehen. 

WIESO? Was ist daran die Faszination? Wieso geiselt man sein Leseerlebnis, nur um danach in einer Buchhandlung zu "wohnen". Ihr dürfte es mir aber gerne erklären. Ich bin ja bereit zu verstehen... Ich versuche es zumindest.

Klassiker
- ersteigert, antiquiriert, geliebt
Ich liebe meinen gelesenen und gelebten Bücher, einige sind aus dem Antiquariat. Vor allem Klassiker. Das macht die Faszination aus und VERSTÄRKT bei mir den Wunsch, sie zu lesen. Unabhängig von ihrem Inhalt, hatten diese Bücher ein Leben. Ist das so abwegig?
neue und alte Klassikerausgaben
-friedlich vereint

Ich möchte meinen Büchern ein gutes Zuhause geben. Sie stehen nicht bei mir, sie leben bei und mit mir. Ich mache mir Gedanken wo sie stehen, und ob sie sich bei ihren Buchnachbarn wohlfühlen - inhaltsbedingt. Ja, vielleicht habe ich zu oft die "Unendliche Geschichte" gelesen. Sei es drum.

Und auch ich behandele meine Bücher pfleglich, aber sie haben Gebrauchspuren. Je öfter gelesen, desto mehr. Einige (sehr) wenige haben einen Badewannensturz hinter sich (meist hab ich mich erschreckt, manchmal war es so spannend, manchmal hat schlicht das Telefon geklingelt und mich aus meiner Buchwelt gerissen) und wurden dann aufwendig wieder "benutzbar" gemacht. Gebügelt, gepresst etc. Mit Hingabe.
Bei mir sind auch Schutzumschläge zum SCHUTZ des Buches da, nicht um unbenutzt auszusehen. Zum Grossteil nehme ich sie zum Lesen ab, wenn ich sie nicht als Lesezeichen missbrauchen muss, weil kein Lesebändchen dabei.
Lieblingsbücher und solche, die es
wahrscheinlich werden nur als Hard-
Cover, zur Not später als solche ersetzt

Ich nehme Bücher - egal welche - überallhin mit. In meiner Tasche. Ohne speziellen Schutz, also Plastetüte oder anderem Buchbeutel. Manchmal in einer speziellen Buchhülle. Aber dann eher aus praktischen Gründen: als Leseklemmzeichen (bis zu Hälfte vorne, ab da hinten), oder weil ich in der Strassenbahn das cheesy Cover verdecken möchte (Ihr habt ja keine Ahnung, was ich mir da schon von Omas anhören musste, dabei war der Buchinhalt keineswegs irgendwie anstössig.)

Die meisten meiner Bücher sind in guter bis sehr guter Kondition, aber sie haben Gebrauchspuren. Wenn ich ein gebrauchtes Buch in "sehr gutem Zustand" kaufe, gehe ich davon aus, dass es ungelesen ist, weil doppelt geschenkt, weil nicht der Geschmack, weil - aus welchen Gründen auch immer. Wie ein gelesenes Buch das Merkmal "sehr gut" oder gar "ungelesen", "wie neu" haben kann, ist mir schleierhaft.
Wie ich schon in der Montagsfrage anmerkte, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man Spass haben kann, ein Buch mit nur 45Grad Öffnungswinkel zu lesen, muss man da denn nicht "Inhalt" erraten? Macht das wirklich Spass?

Wie viel Spielraum ermesst ihr dem Leseerlebnis zu? 

Also ich mach es mir auch in der Strassenbahn gemütlich. Oft sprechen andere Fahrgäste mit mir, ohne dass ich es mitkriege. So sehr bin ich im Buch. Das ginge bei mir nicht, würde ich stetig auf den "ungelesenen" Zustand des Buches achten. In dem Moment in dem ich ein Buch aufschlage, ist es von mir gebraucht. Also spätestens nach 50 Seiten. Das passiert einfach - bei einem guten Buch - einer guten Leseerfahrung.

Liege ich so falsch? Liebe ich meine Bücher deshalb nicht? Bin ich deswegen ein "Buchmörder"?

Und ja ich wünsche mir, dass nicht nur "Romanfresser", "Buchvergewaltiger", "Buchmörder" etc hier kommentieren, denn ich WÜRDE diese Faszination "ungelesen" gerne verstehen... Also zumindest nachvollziehen können.


Kommentare:

Kalliope hat gesagt…

Ich geb's unumwunden zu: Je ungelesener ein Buch aussieht, umso lieber ist mir das. Das ist bei mir so eine generelle Sache: Mit meinem Zeugs bin ich einfach allgemein sehr pfleglich, mag nicht, dass sie vermackt oder dreckig sind, etc. Das gilt ebenso für Bücher. Mir ist nicht wichtig, dass sie "ungelesen" aussehen, aber dass sie gepflegt aussehen.

momo hat gesagt…

Aber ist das Leben dann nicht generell von extremer Vorsicht bestimmt? Ständig aufpassen zu müssen, nie sich gehen lassen können. Also gerade beim Lesen, ist mir ja letzteres schon wichtig...

Kalliope hat gesagt…

Aber Genuss muss doch nicht mit Zerstörung einher gehen? Mal bewusst überspitzt formuliert...

momo hat gesagt…

Stimmt, aber anders formuliert. Ich bin ein reltiv tollpatschiger Mensch, bei mir gehen in regelmässiger Manier Tassen, Gläser udn Geschirr flöten, ich rammel mich an Tischkanten, mir fallen Dinge runter. auch schon mal ein Buch, aber auch Shampooflaschen, Waschpulver, Kleidung. Im Prinzip alles. Früher hat da smeine Mutter mit meinen extremen Wachstumsschüben erklärt, mittlerweile ist klar, dass das nur die Spitzen erklärt. Es passiert mir auch so, weil meine Gedanken einfahc springen udn dann vergess ich shconmal, das sich was in der Hand hab, bzw das zerbrechlich ist. Oder anders, ich bin mir meiner Handlungen nicht immer zu 100% bewusst. Dinge passieren. Das hat nichts mit Unvorsichtigkeit zu tun, allerdings find eich es immer entspannend, mal nicht auf etwas zu jeder Zeit aufpassen zu müssen. Da fällt ein Buch runter und schwups, Rücken gebrochen. Würde ich da jedesmal ein Auftsand machen, wär mein leben, nicht mehr lebenswert....

Kalliope hat gesagt…

Na, das würde ich dann aber "aus der Not eine Tugend machen" nennen. ;) Nein, im Ernst: Da ist schon was dran, man sollte dann auch nicht sofort einen Aufstand machen, ist ja immerhin nur ein Gebrauchsgegenstand! (Muss ich noch lernen, ich mach' mich nämlich immer ewig verrückt, wenn mir mal ein Glas runter fällt und in 1000 Scherben zerspringt.)