2013/06/27

Leserunde - Artikel 5 - Diskussion Woche I

Viele Young Adult Bücher - ob cheesy Romance oder Dystopie, ob Fantasy oder Drama - haben - das sagt der Name ja schon - junge Hauptprotagonisten.

Etwas, dass mir schon lange auffällt ist dabei, dass hier meist das Kind die Rolle der Eltern übernimmt: Manchmal sind die Eltern tot, manchmal einfach nur weg, meist verhalten diese sich aber umgekehrt - also kindisch. In jedem Fall nicht verantwortungsvoll.
Ob das eine Bella aus Twilight ist, deren Mutter sich eher treiben lässt, oder Dawn aus der Dämon(en)reihe, deren Verwandtschaft gleich gesamt von der Autorin gekillt wurde ... 
Die Liste ist fast unendlich lang, allein wenn ich meine letzten hier rezensierten Bücher nehme:

  • im kürzlich rezensierten "One week girlfriend" ist die Mutter von Fable alkoholkrank, sie zieht ihren kleinen Bruder auf
  • auch bei Amanda Hocking in "Unter dem Vampirmond" ist Alice's Mutter nie zu Hause und wenn dann unter Alkohol- oder Drogeneinfluß
  • in der von mir rezensierten Hörbuchversion von Jennifer Donelly's "Blut der Lilie" ist die Mutter von Hauptfigur Andi depressiv aufgrund des Tod ihres Sohnes und eigentlich nicht ansprechbar
  • in Susan Ee's "Angelfall" (meinen momentanen Buch des Jahres) ist Penryn vom Vater verlassen, kümmert sich um ihre im Rollstuhl sitzende Schwester Paige während die Mutter mit ihren eigenen Dämonen kämpft - und nett formuliert am Rad dreht
  • in Marie Lu's "Legend", haben beide Figuren ihre Familien verlassen. Day um seine zu schützen, June hat ihren einzigen Verwandeten - ihren Bruder Metias verloren
  • ...
Ich schliesse hier mal die Liste, auch wenn ich sicher noch massig mehr Beispiele habe. Die Frage ist, warum machen Autoren aus ihren Figuren "kleine Erwachsene". Gibt das eine bessere Geschichte?
Ich meine, natürlich verstehe ich, dass ein Buch spannende Hintergrundgeschichte, schwierige Vergangenheiten der Protagonisten brauch, um eine gute, tiefe Geschichte zu liefern. Aber mir fällt massiv auf, dass Eltern (und hier scheint der Tod die "liebevollere" Methode zu sein) massiv niedergedrückt werden, häufig schlecht wegkommen und meist Problem sind. Während die 'Kinder/Jugendliche" viel zu früh erwachsen werden mussten. 
Warum ist das so? Bedarf es "erwachsenen" Charaktereigenschaften für ein spannendes Buch? Es heisst doch Young Adult, die meisten Figuren scheinen nur alterstechnisch "young" zu sein, innerlich scheint das hingegen oft ausgeklammert zu werden. 

Und auch im Artikel 5 - dem Buch unserer Leserunde - ist Protagonisten Ember eher besorgt um ihrer Mutter, die eher fahrlässig ist. Sie wird auf den ersten Seiten als unbesorgt, vielleicht sogar unbedarft  eingestuft und (auch wenn die Sicht etwas eingeschränkt ist), scheint sich unsere Hauptdarstellerin mehr Sorgen um ihre Mutter als um sich zu machen. 


Nach nun - leider nicht so zahlreich wie erhofften Kommentaren zum eigentlichen Buch, dachte ich, ich stosse ein paar allgemeinere Diskussionen an. 

Kommentare:

Kalliope hat gesagt…

Finde ich interessant, dass du diesen Punkt aufgreifst. Dieser Aspekt hat mir mein Leseerlebnis mit den weiteren Kapiteln von "Artikel 5" derzeit nämlich auch etwas verhagelt. Mir fällt es hier extrem auf, dass die Rollen so sehr vertauscht sind.

Aber gut: Sind die Helden unserer Kindheit nicht auch kleine Erwachsene gewesen, wie die Fünf Freunde, die besser ermitteln können als die Polizei, oder die tapfere Momo, die die Welt vor den Grauen Herren rettet, oder ... Und dennoch: Wenn ich z.B. die alten Fünf Freunde Ausgaben ausgrabe, dann ist doch klar, dass Kind Kind bleibt und Erwachsener Erwachsener. Nun mag man vielleicht einwenden, dass sich die Zeiten wandeln und die heutige Generation, usw...

Trotzdem finde ich es bedenklich, dass in einem Genre, das so großen Anklang findet, solch verquere Rollenmuster ausgelebt werden - denn irgendwo bleibt doch auch immer was hängen, identifiziert man sich mit den Charakteren, von denen man liest, ... Und dann scheint es eher der Normalfall zu werden, dass junge Menschen viel zu früh Erwachsen werden müssen, die Verantwortung ihrer Eltern übernehmen? Finde ich einfach deshalb nicht gut, weil ich hautnah miterlebt habe, wozu das in der psychischen Entwicklung führen kann.

Aber vielleicht muss ich das Pferd in meiner Argumentation auch von hinten aufzäumen: Vielleicht spiegelt ja die aktuelle Literatur auch mehr und mehr die heutige Entwicklung wieder? Wäre allerdings auch kein allzu beruhigendes Argument...

momo hat gesagt…

Hmh, das find ich nun wiederum interessant, was jetzt wen beinflusst. Ist es wirklich so, dass wir den Kindern so viel Abverlangen, dass sie kleine Jugendliche werden? Positiv finde ich ja, dass sehr schnell in der Literatur Patchwork-Familien, uneheliche Kinder, Scheidungskinder etc aufgegriffen ist, denn Fakt ist ja, dass nicht mehr der Hauptteil aller Kinder in einer intakten Ehe aufwächst. Diesen "Realismus" finde ich durchaus begrüssenswert. Doch fällt mir auf, dass der Anteil, der Kinder, die sich selbst durch Leben schlagen, durchaus noch nicht den realen Charakter haben, den die Literatur uns da vorlebt.
Klar gehört es zur Pubertät, sich von den Eltern abzunabeln. Wird in der Literatur einfach nur noch ein Grund dazu geben, den Helden in eine Zwangslage zu bringen?
Ich für meinen Teil hätte durchaus viele Geschichten mit "normaler" Rollenverteilung sinnvoll gefunden, diese "Aufhübschung" fällt mir immer mehr negativ auf.
Nun gut ich werd auch älter, denke selbst ans Kinder kriegen und da verändern sich Perspektiven. Vielleicht entwachse ich diesem genre langsam gänzlich? Aber im Allgemeinen machen mir die Geschichten ja Spass, ich finde, das nur ein over the Top Element..

Kalliope hat gesagt…

Ja, ich habe definitiv das Gefühl, dass ich diesem Genre entwachsen bin... Oder ich habe ienfach mittlerweile zu viel dieser Machart gelesen, dystopischer HIntergrund mit Liebesgeschichte im Vordergrund. Die Liebesgeschichte noch dazu mit so fragwürdigen Rollenbildern... Allzu oft wurde da meine Erwartung an eine gute und ausführliche Erklärung des Hintergrunds enttäuscht. Passe da wohl nicht mehr so ganz zur Zielgruppe?