2013/06/05

Gedanken im Hochwasser

Bevor ich ich mich überhaupt äussere, ein paar Worte: Dieser Post ist weder um Aktualität bemüht, noch möchte er Hochwassertoursimus unterstützen, irgendjemanden beleidigen oder irgendetwas unterstellen. Er möchte nur Anregungen geben, mal nachzudenken, bevor man etwas unterstellt.

Was ich in diesen Tagen in meiner neuen Heimat erlebe, ist - wie 2002 - einzigartig.

Die Fluten lassen unsere kleine beschauliche Elbe, die sich sonst so wundervoll durch die Stadt windet, zu einer riesigen bedrohlichen Wassermassen werden. Das erkennt jeder, dazu braucht man keine spezielle Ausbildung. Viele - sonst durch den unverbauten Elbblick - Begünstigten sehen sich nun einer Situation gegenüber, die sie kennen und fürchten und der sie meist trotz vieler Helfer dann doch hilflos gegenüberstehen. Viele Privatpersonen und einige viele Gastronomen oder anderweitige Kleinstunternehmen.
Blick vom blauen Wunder auf den "Körnergarten"
Viele der "alten", professionellen Medien bemühen sich um Transparenz und Objektivität, alle heischen sie aber doch die Angst an. Man hat teilweise fast das Gefühl, dass jeder Zentimeter - intern - mehr bejubelt wird, verheisst er doch mehr Aktualität, mehr Newstauglichkeit, mehr zum Zeigen. Überall stehen irgendwelche Reporter - ob von privat oder der öffentlich-rechtlichen halb in den Fluten, interviewen Betroffene und machen dabei ein betroffenes Gesicht. Und natürlich guckt jeder es - auch ich. Denn auch wenn man objektiv weiss, dass man wohl selbst nicht betroffen ist, ist man - als Mensch - betroffen und leidet mit.
massig Helfer am Schillergarten

In den sogenannten social Networks überschlagen sich die Ereignisse, auf Webseiten, Facebookpages, Twitter und Co. werden Pegelstände - ob falsch oder richtig - durchgegeben, Fotos gepostet, News geteilt und Helfer aquiriert, Sandsäcke organisiert, Helfer kulinarisch versorgt. Teilweise verfällt man in puren Aktionismus, ich vermute an einigen Stellen hat der THW oder sonstige eigentlichen Hochwassereinsatzkräfte keine Ahnung mehr, was wo gebraucht wird, oder wieviel wo sind. Wer am lautesten auf den Seiten schreit, bekommt die Hilfe - oder nicht. Der, der die richtigen Follower hat, das richtige Netzwerk zur richtigen Zeit nutzt.
Ob man dabei evtl gut organisierte Hilfe stört oder gar verhindert wird tw. nicht beachtet. Denn man muss etwas tun, wenigstens irgendetwas. Viele Dämme werden immer höher geschichtet, zum Teil wird dadurch aber gute Arbeit vernichtet, denn auch hier gibt es Statik zu beachten. Die meisten Helfer wissen das nicht. Oft gilt die Devise, viele Sandsäcke helfen viel. Denn meist bedeutet "Nichts tun" hilflos sein. Oft stimmt das sogar, manchmal eben nicht.

Gestern Abend bin ich Zeuge geworden, wie in einer beliebten Restaurant/Biergarten direkt an der Elbe wohl knapp 500 junge Menschen versuchten das Gebäude zu retten. Gerade kamen wieder LKW-Ladungen voller Sand, schon gefüllter Sandsäcke, dabei hatten die "Massen" an Helfer Probleme sich nicht gegenseitig auf die Füsse zu treten.
derweil hat die andere Strassenseite aufgegeben
Auf der anderen Strassenseite hatte das Cafe schon aufgegeben, die Mitarbeiter sassen - Fenster und Türen der unteren Etage notdürftig abgedichtet  - und schauten sich das Treiben an. Sie waren offensichtlich komplett fertig.

Der SV Loschwitz muss zusehen, wie das hab und Gut versinkt 
Auf der anderen Elbseite hingegen - hier war das Wasser schon deutlich weiter in die Gebäude geflossen - versuchte man die wenigen Sandsäcke so clever zu verteilen, dass sie reichten. Es waren erheblich weniger Menschen, in jedem Fall erheblich weniger Helfer und kaum Sandsäcke da, die meisten - auch die Besitzer - schauten sich das Elend hilflos an. Es schien, allen war klar, dass es nix nützen würde. Aber was soll man tun, irgendwas musste und wollte man tun.
in Loschwitz ist das Hochwasser schon weit vorgedrungen
Die Elbe floss derweil mit extremer Geschwindigkeit und gefühlt drei- bis viermal so breit wie normal unter dem blauen Wunder durch, dass schon am Vortag für den Verkehr geschlossen wurde. Dabei die ersten Baumstämme, riesige Heuballen, die das Wasser irgendwo aufgegabelt hatte und überraschend viel Zivilationsmüll.

Oben auf der Brücke viele - nein eigentlich Massen an - Menschen. Viele - auch ich - schossen Fotos. Alle waren betroffen. Alle ware Gaffer und alle wurden von den Helfern, deren es so viele waren, dass man meist nur rumstehen musste - unten beschimpft.

Und doch man kann es verstehen. Alle wohnen - irgendwie - nahe dran, alle haben nur die - nicht wirklich objektiven gesicherten - Informationen, alle wollen sich ein eigenes Bild machen, sich beruhigen, sich ängstigen, dokumentieren. Die Helfer wollen zeigen, dass sie etwas tun, dass gaffen nichts bringt.

Der Baum steht normal am Ufer
Dresden trennt sich in die die tun, und teilweise in blinden Aktionismus verfallen, wild versuchen Säcke - egal wie unsinnig - aufzustapeln, in der Hoffnung zu helfen, oder etwas - irgendwas - zu tun, die über die sozialen Netzwerken versuchen immer an der richtigen Stelle zu sein. Und die, die versuchen den Alltag zu leben. Weiter Arbeiten - zum Teil müssen - sich ablenken, sich zwischendurch heimlich auf dem laufenden zu halten. Denn alle sind - egal ob tatsächlich oder nur emotional - betroffen. Denn trotzdem wächst Dresden einmal mehr zusammen. Jeder versucht auf seine Art zu helfen, dabei zu sein. Die einen so, die anderen so, jeder wie er kann - auch emotional. Was besser ist? Wer weiss es schon.

genau wie der in der Mitte, übrigens am anderen Ufer... 
Besagtes Restaurant - der Schillergarten am Blauen Wunder -, musste heute Morgen dann aufgegeben werden, nachdem gestern Abend schon der Keller bewusst von der Feuerwehr geflutet wurde - wegen der Stabilität um Aufschwemmen zu verhindern. Und wie befürchtet, war das nur der Anfang. Aufgrund der Strömung musste dann auch der Gastraum - nur durch Scheiben geschützt, heute morgen bei einem Pegelstand von 8,20m aufgegeben werden. Und wie es ausschaut, war das noch nichtmal die Spitze des Eisberges...

Die Helfer ziehen weiter, an andere Stellen, ständig gibt es Meldungen, wo gebaute Dämme drohen zu brechen, wo mehr Sandsäcke und helfende Hände gebraucht werden.

Kommentare:

Steffi hat gesagt…

Es ist einfach nur schrecklich, was da gerade passiert. Wir hier oben können uns vor genialen Wetter nicht retten und da unten ist regelrecht "Land unter".
Ich wünsche allen ganz, ganz viel Kraft für die kommenden Zeit!!

momo hat gesagt…

Naja ich hoffe dann mal, dass es euch da oben nicht noch trifft. Mittlerweile schwappt as Disaster ja langsam gen Norden. Das einzig Gute ist, dass man da ja nun genug Vorwarnzeit hatte und sich vorbereiten konnte, wenn es denn überhaupt geht.
Hier zeigt sich derweil das Ausmass, viel ging glimpflich ab aber einige traf es hart und ich denken immer noch, dass es diesmal emotional schlimmer ist, weil die Betroffenen die Arbeit danach nun kennen und wissen, wie lange es sich zieht. Ich glaub' da entstehen gewaltige Motivationsprobleme.
Mal schaun, ob man diesmal draus lernt und hie und da endlich dem Fluss ein paar Überflutungsreviere lässt und ab und zu zurückbaut. Ich hab ja schon kopfschüttend dagestanden, als man neue Wohnsiedlungen an die Adresse "In der Flurinne" baute. Ich mein, hallo?