2013/03/19

hörende Zeitreise dank eines ganz besonderen Tagebuchs

Rezension [Hörbuch]: Jennifer Donelly - "Das Blut der Lilie" - gesprochen von Lotte Ohm, Josefine Preuß 

Während ich auf der Arbeit mit meinem neuen Lieblinsgkollegen meist härteren Rock (und gerne auch laut) fröhne, gibt es ja auch so Arbeiten, die eher leisere Töne brauchen. Und auch für den Arbeitsweg habe ich immer ein Buch dabei.
Dabei bin ich komplett kein auditiver Typ. Hörend entgeht mir sehr viel, weswegen ich bisher eher schon bekannte Geschichten gehört habe, Harry Potter zum Beispiel. Oder Oscar Wilde.

Neulich bin ich auf eine supertolle Rezension für "Das Blut der Lilie" gestossen und hab direkt mein audible account mal wieder aktiviert und mich an eine mir bisher unbekannte Geschichte gewagt. Ein Plus, das Buch wird von Josefine Preuß gesprochen, deren Stimme mich sehr anspricht und die fabelhaft zu der leicht überheblichen Art der Protagonisten passt. Den Part der Lotte Ohm, finde ich passend, aber nicht ganz so angenehm für meine Ohren, was aber eben reine Subjektivität ist. Sie hebt sich gut von der der Josefine ab und damit passt es schon.

Worum geht's?
Andi (gesprochen Ändie, weshalb ich es ja Andy geschrieben hätte, aber egal), lebt in New York (Brooklyn) geht auf eine Art Edelschule, und obwohl man merkt, dass ihre Eltern nun wirklich nicht arm sind, hat das seine Berechtigung. Denn Andi ist begabt - musikalisch hochbegabt. Sie spielt Gitarre wie keine zweite. Ihre Mutter ist Künstlerin und ihr Vater Biologe - meistens weg, momentan forscht er in Europa und hat seine - eine - neue Familie gefunden. Denn ganz so "normal" ist Andis Leben nicht. 
Der Familienalltag ist überschattet vom Tod ihrers Bruders Truman, für den sich Andi die Schuld gibt. Ihre Mutter malt nur noch Bilder des verstorbenen Sohnes, Andi versucht sich um sie zu kümmern und ist gerade dabei ihren Abschluss zu vergeigen.

Da schnappt sich ihr Vater sie, steckt ihre Mutter in die Klapse und nimmt sie mit nach Paris, wo er eine neue Forschung beginnt. Nur wenn sie ihm innerhalb kürzester Zeit ein vorzeigbare Gliederung und Abstract zu ihrer alles entscheidenden Abschlussarbeit (zum Thema eines mir bisher unbekannten franz. Komponisten, ein Zeitgenosse Bachs) liefern kann, darf sie nach Hause.

Trotzig nimmt Andi das Angebot an und findet im Hause des Familienfreundes Jay (?) -seineszeichen Historiker und besessen von der französischen Revolution und der Königsfamilie -einen alten Gitarrenkoffer. Und darin ein Tagebuch versteckt - das Tagebuch der Darstellerin Alexandrine, die ihre so ganz eigene (Neben-)Rolle bei der Revolution spielt.

Wieso?
Historische Romane sind nicht so meins, aber die Rahmengeschichte und die (zugegebenermassen nicht wirkliche neue Idee der) Einbettung historischer Gegebenheiten durch ein Tagebuch hat mich sofort gefesselt.

Denn erstmal geht die Geschichte um Andi, ihr Leben - naja eher Dahinvegetieren - ihrer Familie. Die Schuld, der Verlust, die Gefühlsebene des sich Verlierens. Eindrucksvoll ohne den mahnenden Finder zu heben. Man erlebt Andi dabei, wie sie praktisch dabei it ihr Leben volle Kanne gegen den Baum zu fahren - oder es wirklich einfach zu beenden. Und das ist erschütternd ehrlich und hier hilft Josefine Preuß Stimme gewaltig. Das war sehr echt und sehr nah. Eindeutig ein Pluspunkt für die Geschichte.

An der Stelle wäre ich eigentlich zufrieden mit der Milleustudie und der Weiterentwicklung Andis in New York gewesen, aber die Autorin entschied hier eine Art Schlusstrich zu ziehen und Andi nach Paris zu bringen. Das passiert zwar logisch und nachvollziehbar, scheint aber eben auch konstruiert irgendwie unpassend.
Hat man sich damit arrangiert wandelt sich die Geschichte und Andi. Zwar erleben wir nach wie vor Andi und ihr Versuch klarzukommen, ihre neuen Bekanntschaften, die seicht beginnen und schnell sehr tief werden, aber wir erleben auch Alexandrines Leben, das so ganz anders als Andis ist. Und überraschenderweise bettet sich die Geschichte wirklich gut ein. Man will den zwei gleichermassen folgen. Zu dieser historischen Geschichte möchte ich eigentlich nichts sagen, jeder Einblick wäre gespoilert, aber es hat mich als eher historisch uninteressierten Menschen fasziniert und unterhalten. Gleichermassen. Schon dafür gibt's Pluspunkte.

Allein die Auflösung hätte nicht unbedingt so sein müssen. Und wieder schafft es die Autorin sie plausibel einzubetten, nichtsdestotrotz fand ich es ein bißchen too much und wieder konstruiert. Aber das ging vielleicht auch nur mir so, gerade am Ende konnte ich nur kurze Strecken hören.

Ein kleines Schmankerl, dass mich wirklich positiv überrascht hat, war die Beschreibung der Musik. Obwohl ich musiktheoretisch ein absoluter n00b bin, konnte ich dem folgen und hatte das Gefühl zu wissen, oder zu ahnen, was Andi meinte. Das fand ich wirklich beeinduckend.


Wieviel Sterne?
Alles in allem war das Buch gut, bis sehr gut. Nicht herausragend, aber durchaus mehr als lesenswert. Eine tolle Geschichte, mit ehrlichen und guten Charakteren.  Manchmal ein wenig kurz, denn die Tiefe der Protagonisten hätte mehr erlaubt. Aber nun gut. Ich würde es als spannend und gleichzeitig gefühlvoll beschreiben. Eine Gradwanderung, die die Autorin fast mit Leichtigkeit besteht und die mich - trotz ungeliebten Genre - das Hörerlebnis geniessen hat lassen und mich definitiv davon überzeugt hat, mehr zu hören.

Fazit: 4 von 6 Sterne mit Tendenz zur 5. (also eher 4+ Sterne)
aufgeschlüsselt:

Story: 5 / 6
Sprache: 4 / 6 
Charaktere: 5 / 6
Spannung: 4 / 6





Jennifer Donnelly - "Das Blut der Lilie" - Pendo - ISBN [Hardcover]: 978-3-86612-288-8    -  · Gebunden : 484 S 
HörbuchDer Audio Verlag(2011) via audible.de

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