2012/04/25

Rezension über einen etwas anderen isländischen Krimi von H.Helgason

Rezension zu Hallgrimur Helgason: "Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen" [deutsch] - Taschenbuch
Früher habe ich gerne Krimis gelesen. Extrem gerne. Ständig und nur: weil sie spannend sind, weil sie meist viel von unterschiedlichsten Menschen erzählen und weil sie - meistens - ziemlich real daher kommen. 
Könnte jedem passieren. Dir - mir - gestern, morgen .. jetzt... 

Dabei sehe ich selten Krimis gern. Keinen Tatort, keinen Polizeiruf, schon gar keine Autobahnpolizei oder Ähnliches. Manchesmal einen Pfarrer Braun oder ein Stuppe. Seit neuestem wieder "Heiter bis tödlich", vor allem mit Wolke Hegenbarth - Alles Klara. Aber kriminaltechnisch mag ich's lieber in Buchform. 

Natürlich habe ich auch mal in Donna Leon reingeschnuppert, mir gefällt die Figur des Comissario Brunetti, aber ziemlich schnell fand ich die Bücher zu wiederholend... Dann brachte mich meine Mutter auf Andrea Camilleri und den wahrhaft 'charmanten' Commissario Montalbano. Allein wie der Autor seine Hauptfigur über das sizilianische Essen denken und sprechen lässt, kommt einer Orgie gleich. Entweder ich bin nach einem Camilleri satt (habe mich sozusagen satt gelesen) oder ich muss sofort italienisch kochen... Meist wird es dann extrem würzig und lecker.

Selten konnten mich bisher skandinavische Krimis begeistern... Mal abgesehen von der zurecht hoch gelobten Millennium Triologie von Stieg Larsson, obwohl mich die auch verschreckten. Meine Fantasie ist einfach zu groß für diverse Szenen und schützt nur unzureichend meine arme Seele. Hachja, ich bin was das angeht ein Schisser. Umso mehr liebe ich ironisch, sarkastische Krimis. Solche, wie der von Hallgrimur Helgasson. 
Ein, zwei kurze  Ausschnitte, hatte ich ja hier schon mal raus gehauen:

Worum geht's?
Die kroatische Hauptfigur Toxic könnte eigentlich glücklicher nicht sein, hat er doch in seinen Augen, alles was er so braucht, um glücklich zu sein. Sein Beruf: Auftragskiller. 
Bei seinem letzten Auftrag erschoss er einen FBI-Agenten. Unglücklich. Und so muss er schnellstens verschwinden. Allerdings hat er wenig zeit und so hat er keine Zeit zum Pläne schmieden und muss improvisieren. Auch das geht schief, naja eben nicht so wie NICHT geplant und so findet sich Toxic in der Identität eines Fernsehpredigers (den er natürlich zuvor am Flughafen noch fix um die Ecke gebracht hat) und das zu allem Überfluss in Island. 

Doch wie soll er - als Auftragskiller - seine Lämmchen beraten? Was kann ein einer wie er denn schon zum Seelenheil beitragen? Überraschend meistert er zu Anfang diese Rolle in einem  reichlich obskuren Auftritt im isländischen Bibel-TV.Dann sind da noch die isländischen Frauen. Die können einem auch ganz schön das Leben schwer machen, vor allem wenn man sich als vermeintlicher Priester in die Tochter des Gastgebers verliebt. 

Natürlich droht so die Tarnung aufzufliegen, scheint auf einmal alles umsonst gewesen sein, aber wie kommt man von einer so gottverdammten eiskalten Insel mit viel zu wenigen Einwohnern? Vor allem wenn dort auch noch seine alten Killerkumpane zu "Besuch" kommen. 

Wieso?
Hallgrímur Helgason ist bekannt dafür, schnelle, beinahe irrwitzige Handlungsstränge mit einer großen Portion schwarzem Humor zu verflechten und die Spannung zusätzlich auch noch mit so etwas wie Gesellschaftskritik zu garnieren, ohne zu belehren. Er tut das auch hier wahrhaft meisterhaft und das mit einer Hauptfigur, die einem zuerst so gar nicht sympatisch ist. Zwar lernen wir auch etwas über die Backstory von Toxic, aber das lässt einem diesen nicht unbedingt liebenswürdig gegenüber stehen. Toxic flucht, und ist rassistisch (und überraschenderweise schafft es Helgason gerade diese Passagen mit soviel schwarzen Humor zu versehen, dass man darüber lachen muss - gerne und viel über die italienische Mafia), frauenfeindlich und überhaupt reichlich unwirsch.

Die schnelle Art des Buches und die vielen kleinen Anmerkungen, die manchesmal wirklich in der Action und Spannung verschwinden, ließ mich das Buch nochmal lesen, nachdem ich es schon (wie man dem Datum der oben verlinkten Zitate entnehmen kann) schon "nebenher" verschlang. Es eignet sich also für beides. Ein wahrhaft geniales (wie ja auch der Titel) Einzelbuch, dass einem mehr als nur einmal laut lachen und sich über die eigene politische Unkorrektheit gleich nochmal schmunzeln lässt und einen trotzdem viel Tiefe bietet und ein "NebenherBuch", dass durch Schnelligkeit und Witz besticht.

Einzig das Ende... aber hach, das müsst ihr schon raus finden. Ist schließlich ein Krimi, oder zumindest sowas Ähnliches...


Wieviel Sterne?
Nach einigen Überlegen komme ich auf 5 von 6 Sternen, also ein beachtliches Ergebnis für dieses für mich mittlerweile untypische Genre.
Einfach ein tolles Leseerlebnis mit - meiner Meinung nach - tollem Titel, der überraschend den Inhalt besser trifft als man zuerst denken mag. H.Helgason hat mir nordische Krimis wieder näher gebracht und ich werd sicher mal wieder in diesem Bereich schnüffeln gehen...


aufgeschlüsselt:
Story: 4 / 6
Sprache: 5 / 6
Charaktere: 5 / 6
Spannung: 6 / 6
fikt.Welt: 4 / 6 


Hallgrimur Helgason, "Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen", dtv, ungekürzte Ausgabe 2011, München
ISBN: 978-3-423-21318-9

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