2011/11/11

Charlotte Roche - Schoßgebete [Hörbuch]

Zuallererst ich mag Charlotte Roche, ich mag ihre Stimme, ich mag, dass sie scheinbar immer das ausspricht, was sie denkt, ich mag, dass sie so unkonventionell ist.

Trotzdem habe ich es durch ihr Erstlingswerk "Feuchtgebiete" nicht vollständig geschafft. Ich bin (an der Stelle wohl leider) mit einer zu großen Fantasie ausgestattet, die mir gerade Gelesenes wie Wirklichkeit vorkommen lässt. Wenn ich Bücher lese, entsteht diese Welt in meinem Kopf und ich bin mittendrin. Deswegen habe ich nur sehr wenige Steven King Bücher gelesen und auch man andere kann ich einfach nicht lesen. Zu echt.

Feuchtgebiete war einfach zu eklig. Und ich meine jetzt nicht das Thema, nein, ich finde es gut, dass jemand die "Cleanliness" aus Buch, TV, Film etc anspricht. In den wenigstens Filmen geht der Filmheld aufs Klo, in fast keinem Buch wird das beachtet. Da laufen Figuren monatelang durchs Prärien, Nichts etc und mit keiner Silbe wird erwähnt, dass es diverse Probleme mit den Alltäglichkeiten auftreten können. Da wird Hunger und Durst, sowie andere Unzulänglichkeiten bis ins Detail beschrieben, aber sowas? Nein. Buchhelden gehen nicht aufs Klo, basta.

Trotzdem war mir das Thema in der detaillierten Beschreibung unangenehm und zu plastisch für meine Fantasie, ich mochte schon nie das Ausgeschniepte meine "AuPairKinder" sehen. Kurzum "Feuchtgebiete" war nicht meine Welt. "Schoßgebete" schien da schon eher was für mich, sollte es doch um eine persönliche Welt gehen: Verlustängste, psychische Belastungen... An sich erinnerte mich das doch ein wenig an Kuttner's Mängelexemplar.

Aus Vorsicht kaufte ich das Buch dennoch als Hörbuch, zumal Frau Roche selbst liest. Eigentlich mag ich ihre Stimme, zum "Aber" komme ich später.

Worum geht's
Es geht um Elisabeth, die Hauptfigur und an sich geht es um drei Tage. End hier ist die Handlung auch noch ziemlich überschaubar: Dienstag: Sex, Mittwoch: Arztermin, Donnerstag: Bordellbesuch. Achja und dann ist da natürlich noch die tägliche Sitzung bei der Psychothearapeutin.
Auch wenn die Geschichte hauptsächlich im Jetzt spielt und von der Beziehung (=Ehe) der Protanistin und ihren Ängsten handelt, drängt doch gerade über die Therapie immer der Unfall vor 8 Jahren hinein, der schwer das Leben von Elisabeth lastet.
Egal wie man es dreht und wendet, man kommt nicht umhin zu fragen, oder doch auf dem Leben von Frau Roche. Denn hier sind die Parallelen doch sehr eng. Hat doch auch der schönste, geplante Tag der Autorin und der Hauptdarstellerin in einer Tragödie geendet, ein Autounfall veränderte das Leben. Am Tag der Hochzeit verunglücken die drei Brüder tödlich. Der schönste Tag des Lebens gerät zu Katastrophe. Diese Geschehnisse mit der Stimme von Frau Roche zu hören ist tatsächlich zutiefst berührend, verschreckend teilweise fast schon zerstörend. Und trotzdem gelingt es ihr, die ironischen Momente des Geschehnis so zu schildern, dass das Buch streckenweise wirklich Spaß macht.
Aber man erfährt eben auch, wie sie am Flughafen die Nachricht erfährt, wie ihre Beziehung daran zerbricht, wie aus dem "letzten" Ausrutscher ihre Tochter entsteht. Das ist manchmal wirklich schonungslos. Und diese Ehrlichkeit manchmal belastend, wenn sie schreibt: "Die Geburt unserer Tochter ist also untrennbar mit dem Unfall verbunden" oder "Wenn ich an ihre Geburt denke, stell ich mir drei tote Kinder daneben vor."
Dazwischen wird immer wieder in die Gegenwart gesprungen, zur eigentlichen Geschichte (die mit den drei Tagen). Hier geht es hauptsächlich um die Beziehung Elisabeths mit ihrem (neuen) Mann. Und damit geht es hier viel um Sex, ob es die offenherzige Overtüre des Romans ist, welche den Leser detailliert eine Einführung in die Kunst des Oralverkehrs gibt oder den "Fremdgeh"-Fantasien der Protagonistin. Die Besuche im Bordell, die Beschreibungen des ehelichen Sex. So ganz kann Frau Roche aber nicht aus ihrer Haut und so geben "Würmer" dem ganzen den Ekelfaktor.

Wieso (und wieso Hörbuch)?
Charlotte Roche plaudert, zumindest inhaltlich. Manchmal allerdings hört sich das Ganze stark vorgelesen an. Ich glaube erhören zu können, an welchen Stellen ein neuer "Einspieltag" begann, denn dann klang es hakelig irgendwie nicht ganz professionell. Aber vielleicht bin ich eben ein bißchen arg kritisch mit Hörbüchern, denn ich habe ja schonmal erwähnt, dass manchmal in meinem Kopf Bücher beim Lesen von mir bekannten Stimmen vorgelesen werden. Allerdings auch objektiv gesehen mit der tramhaften Märchenonkel-Stimme von "Das Bildnis des Dorian Gray" (engl.) kann Miss Roche nicht mithalten.

Mein Fazit
Inhaltlich wechselt die Last der Vergangenheit mit der leichten, sexgefüllten Gegenwart, ab und zu verkehrt sich das Ganze dann noch. Ob man das gelesen haben muss? Sicher nicht, aber man hat auch nicht das Gefühl wirklich Zeit verschwendet zu haben. Für mich definitiv eine Weiterentwicklung der Autorin, so wirklich meine Welt ist die Buchwelt der Miss Roche allerdings weiterhin nicht. Trotzdem werde ich mich wohl bis zum Ende durchhören.

Und immerhin, ich glaube schon gelesene Lektüre werde ich mir ab und zu auch mal als Hörbuch zu Gemüte führen. Neues werde ich demnächst wohl aber wieder lesen. Irgendwie ist da schöner und lässt mich besser in die Welten eintauchen.

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