2011/07/01

"Depression ist ein fucking Event" - Mängelexemplar von Sarah Kuttner

Sarah Kuttner kennt der "Jungmensch"-im-jetzt-schon-Erwachsenenstatus von früher von einer kultigen (und leider viel zu wenig beachteten) Show auf VIVA, später auf MTV und mittlerweile immer mal wieder auf den Öffentlichen. Kuttner ist anders und ein Riesentalent.

Ihr Kolumnen (u.a. in der Süddeutschen Zeitung) haben es schon mehrmals zum Buch gebracht, mit ihrem "Mängelexemplar" gibt es aber jetzt (schon länger) einen Roman, der irgendwie auch anders ist.


Worum geht's? Nun Karo ist jung - naja Ende Zwanzig, aber was ist Alter schon? -, aber leider auch depressiv. Außerdem ist sie noch überdreht und bisher immer auf der Überholspur unterwegs, also eine typische Großstadtpflanze. Das Leben sieht sie als ein Büffet, Nachschub garantiert. Bis sie ihren Job verliert, war sie Eventberaterin; sie organisierte coole Partys und hatte 'nen Freund, wenngleich der mindestens genauso oberflächlich war wie sie.
Und dann fängt es an, dass tiefe, tiefe Loch. Plötzlich sind da Herzrasen, Schweißausbrüche und Panikattacken. Und wie viele tarnt sie es mit Dauerquasselei und zynischen Witzen. 
Doch so langsam beginnt sie zu begreifen, daß so eine Depression eben nicht in 24h Dauersitzung mit ihrer Therapeutin zu überwinden ist.

Wieso? Das überraschende ist wohl die Autorin: Kuttner sprach als Moderatorin ihrer Showschnell und nicht immer verfolgbar, als Autorin schreibt klarer, aber mindestens genau so schnell. Das Buch lebt von der einfachen Sprache, gespickt mit prägnanten Bildern und flapsigen Formulierungen. Sie gestaltet die Innenansicht der Karo als wahres Kopfkino und beschreibt ungeheuer nachvollziehbar die Leere nach der Dauerberieselung, die Angst vor Kontrollverlust, den Absturz im Kopf. Den Begriff "Quarterlife Crisis" ist wohl schon jedem mal über den Weg gelaufen, Miss Kuttner gibt so der schwer vorstellbaren Krankheit eine Geschichte - und eben auch ein orienterungsloses Gesicht.
Das Überraschende? Sie mach das erstaunlich gut und beschreibt so ein verschwiegenes Minenfeld der Gesellschaft.
Vielleicht sind die Charaktäre noch nicht so ausgereift und vielleicht fehlt der Hauptfigur Karo das Geheimnis(?). Aber dann wiederum, ist das Buch nicht die Geschichte der Therpaie, also ein offenes Buch?

Ich persönlich mochte es. Besser als jeder Pseudo-Ratgeber ist es in jedem Falle (schonmal weil es nicht beraten will, sondern NUR eine Geschichte erzählt) und unterhaltsam noch dazu. Zudem besser und nicht so reißerisch wie das ihrer "Kollegin" Charlotte Roche, leicht und doch nachdenklich, amüsant und fesselnd, aber nicht runterziehend.

Ein wunderbares Nebenherlesbuch, für die Straßenbahn, kurze Reisen, als Badewannenbuch, nach einem stressigen Arbeitstag oder für den Sonntagnachmittag auf der Wiese. I like.

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