| Theater Erfurt - Spielzeit 2011/2012 - Musiktheater - Der Freischütz - Programmheft- Bühnenbild (1.Akt) |
Auch wenn der Name vielleicht jetzt nicht durchgängig Glocken läuten lässt, nach einer kurzen Google-Suche wird wohl jeder feststellen, dass er eben jenen als Charakterdarsteller aus diversen (deutschen) Kino- und Fernsehfilmen kennt und ihm wohl auch im Gedächtnis geblieben ist.
Ich bin jetzt nicht der Operngänger mit Monats-Abo, aber ich bin sehr glücklich schon diverse Opern in den unterschiedlichsten Häusern (u.a. Weimar, Dresden, Prag, ... )gesehen zu haben. Und an sich liebe ich die Abwechslung zwischen modernen Inszenierungen und traditionelleren Aufführungen. Sicher gibt es immer Angriffsfläche für Kritik, aber somit hat eben auch jede Vorstellung ein eigenes Profil. Das macht ja den Spaß und die Freude, sind doch Musik und Reihenfolge, mindestens aber die Arien und diverse Grundmelodien der Inszenierung bekannt.
Bisher habe ich fast ausschließlich Mozart-Opern gesehen, zugegeben unbewußt, umso größer meine Vorfreude eine Oper zu sehen, bei der sich meine Musiklehrerin sehr (und leider nicht wirklich erfolgreich) bemüht hat, mir musikalisches Grundwissen beizubringen. Ich kannte also sehr wohl Reihenfolge und Musik, und trotzdem war ich wieder erstaunt, wieviele Melodien und Grundmelodien ich eben nicht nur aus der Schulzeit kannte, sondern wie sehr diese sich unauffällig in unseren Alltag (ob Werbung, TV-(Hintergrund)-Melodien, ...) integrieren.
Umso mehr fand ich Horwitz Aufführung trotz aller Kritiken brilliant, war sie sozusagen eine Art filmische Aufführung einer Oper - modern, forsch, aufregend, anders und vor allem fantastisch. Gerade und vor allem weil sich Horwitz nicht zu schade war, Anleihen an weit bekannten Blockbustern zu holen und diese unterschwellig zu integrieren. Er schaffte damit zumindest vielfältige Interpretationen bei den Zuschauern erwachen zu lassen.
| Theater Erfurt - Spielzeit 2011/2012 - Musiktheater - Der Freischütz - Programmheft - Der Geier und der Emerit |
Der Knaller waren natürlich die Kostüme, die anfänglich merkwürdig und sogar abstoßend anmuteten. Mit den Verwucherungen, die aus der Kleidung wuchsen, erinnerten sie mich stark an eine "Land-Version" der verfluchten Crew aus "Fluch der Karibik". Die Figuren hatten alle merkwürdige Verwachsungen auf dem Kopf, Narben und "Moos" und "Schmutz". Außerdem gab es mit dem Eremit einen waschechten "Gandalf" auf der Bühne, dessen Kostüm fast ausschließlich aus bodenlangen langem weißen Haar und Bart bestand.
Ein weiteres Highlight auf der Bühne ist natürlich der echte (Lämmer-)Geier, welchem im Hintergrund keine wirkliche Aufgabe zukommt, außer Atmosphäre zu schaffen und der tristen, grauen Bühne Leben einzuhauchen. Mich hat hier vor allem die Größe und die "Taubheit" des Tieres überrascht, und ich gehe davon aus, dass dies aus Tierschutzgründen in Ordnung ist.
Was vielen Kritikern auf den Magen schlug, ist die Tatsache, das Horwitz sich nicht zu schade war, Reihenfolgen nicht zu beachten und dann gleich die wohl bekannte Ouvertüre aus dem Stück zu schmeißen. Meiner Meinung nach ein gelungener Schachzug, läßt er eben beim Zuschauer so eine Offenheit zu, der modernen Inszenierung eine Chance zu geben. Und gerade das Zerteilen der Stücke, um so die Parallelität der zeitlichen Abfolge besser zur Geltung kommen zu lassen, fand ich genial und eben dem filmischen Genre sehr nah. Häufig spielten mehrere Szenen zeitgleich, wechselten sich ab.
Die ganze Inszenierung wurde aber beim Szenenwechsel zur Wolfsschlucht noch getoppt, als das bisherige Bühnenbild nach oben schwebte und darunter eine einzige Wurzel zum Vorschein kam. Die eh schon düstere Opern-Szene mutierte zu einer mystischen Horrorfilminszenierung, in der die Klassik mit etnischen Banjotrommeln unterstützt wurde. Eine tolle Idee und der Atmosphäre sehr zuträglich.
Überhaupt muss man dem gesamten Cast ein Lob ausprechen, sah man den Darstellern die Freude am Spiel im gesamten Stück an.
| Theater Erfurt - Spielzeit 2011/2012 - Musiktheater - Der Freischütz - Programmheft - letzter Akt |
Und natürlich der Moment als auch die Hauptfiguren Agathe und Max "ihre" Verwucherungen aufsetzen. In meiner Interpretation als Zeichen, nun auch aus der "Hölle" profitiert zu haben und nicht mehr rein zu sein.
Für welches Ende sich Horwitz entschieden hat, soll hier nicht verraten werden. Ich empfehle aber, allen, die sonst nicht so viel mit Opern anfangen können oder weniger solche kulturellen Veranstaltungen besuchen, dieser Aufführung eine Chance zu geben, hat es Horwitz doch geschafft, das oft "verstaubt" geglaubte Gerne Oper in die Neuzeit zu versetzen und beinahe eine filmische Inszenierung daraus zu machen. Wie ich finde, mehr als gelungen. Ganz großes KINO!
interessante Links zur Aufführung:
Theater Erfurt - Spielzeit 2011/2012 - Musiktheater - Der Freischütz
weitere Termine für "Der Freischütz" - Carl Maria von Weber am Theater Erfurt - Großes Haus:
Sonntag, 20. Mai - 15:00










